#GeldverleihtFlügel

Davie Selke wechselt zu RasenBallsport Leipzig. Das muss man erstmal verarbeiten. Gar nicht so einfach. Die Verkündung des Deals am 1. April hat mich lange – ja, wirklich sehr lange – an einen der miesesten Aprilscherze glauben lassen, aber dieser Scherz wäre einfach zu gut gespielt gewesen… Nun denn, es ist wahr. Eines der größten Sturmtalente Deutschlands verlässt uns. Der gewählte Weg: Abkehr von der Tradition, hin zur Retorte.

Klar, das sportliche Konzept hat absolut überzeugt, junge deutsche Talente zieht es in Zukunft immer nach Leipzig und sowieso: Leipzig dominiert die zweite Liga im nächsten Jahr nach Belieben, steigt auf und wird sofort Bayerns Dauerrivale Nr. 1… Könnte mit Red Bull als Geldgeber sicherlich irgendwann passieren und doch gibt es viele Alternativen für den sportlichen Weg des Clubs. Die TSG Hoffenheim spielt beispielsweise auch mit den SAP-Millionen im Rücken und hat bis auf eine gute Hinserie noch nicht viel gerissen. Ich wage zu bezweifeln, dass der Standort Sinsheim in Zukunft ein dauerhafter Gastgeber für internationale Vereine wird. Fände ich als Fußballfan auch alles andere als optimal – eigentlich sogar beschissen.

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Dann wäre da Wolfsburg, die nach Belieben ihre Winterkorn-Millionen ausgeben dürfen und erst jetzt, nach vielen verbrannten Millionen, ein wirklich gutes Team beisammen haben. Der Weg, wie diese Mannschaft zu Stande kam, ist jedoch ein Schlag ins Gesicht vieler hart wirtschaftender „Normalo-Clubs“. Und trotzdem darf festgehalten werden: Wolfsburg hat nach dem Aufstieg im Jahre 1997 zwölf Jahre gebraucht um das erste Mal Meister zu werden. Danach gab es gleich wieder Mittelmaß, ehe heute, 18 Jahre später, ein wirklich starker Verein mit erkennbarem Konzept hinter der Marke VW steht. All das könnte in Leipzig passieren. Vielleicht schneller, vielleicht aber auch gar nicht.

Ob Selke sich mit dem Wechsel wirklich einen Gefallen getan hat? Zumindest sportlich fraglich, denn selbst wenn finanzielle Rahmenbedingungen in Leipzig besser sind, ist es in der Gegenwart ein sportlicher Rückschritt. Ich musste auch schmunzeln, als ich viele Social-Media-Kommentare von Leipzigern las. Hier mein Lieblingsspruch:

„Manchmal muss man erst einen Schritt zurück gehen, bevor man mehrere Schritte vorgeht.“

Was ich dazu sage: „Fickt euch selbst. Danke für die 8-10 Millionen und warten wir´s erstmal ab.“ Selbst wenn die Bullen, der lebende Kommerz oder whatever einen ähnlichen Weg wie die Wölfe einschlagen: Selke wäre dann bei einer Meisterschaft 32 Jahre alt und wahrscheinlich schon sechs Jahre zuvor durch einen 50 Millionen-Transfer ersetzt worden. Hoch lebe Red Bull… Flügel verleihen die Bullen in Zukunft noch ganz anderen Kalibern. Der Versuch, Erfolg zu erkaufen, wird von Red Bull immer aggressiver vorangetrieben werden.

Aktuell dürfte für Selke auch das Geld eine Rolle gespielt haben. Ganz witzig, wenn man bedenkt, was er noch nach seiner Vertragsverlängerung in Bremen sagte: „Das war eine Herzensangelegenheit. Angebote habe ich einfach von Anfang an abgeblockt, weil ich wusste, dass ich bei Werder bleiben will.“ Herzensangelegenheit am Arsch, wenn man bedenkt, dass die Verhandlungen schon seit Anfang des Jahres laufen… Das können wir dir, lieber Davie, doch jetzt nicht mehr abkaufen. Nach seiner Auszeichnung als Bremens Sportler des Jahres wähnte er sich in einer Riege mit den Bremer Legenden. „Diese Auszeichnung erfüllt mich mit großem Stolz. In der Vergangenheit gab es viele berühmte Werderaner wie Dieter Eilts, Marco Bode oder Rudi Völler, die Bremer Sportler des Jahres geworden sind. Mit denen in einer Reihe zu stehen, ist eine große Ehre für mich“, so Selke. Keine Angst, das dürfte in Zukunft keine Last für dich sein, denn niemand wird dich in Bremen auch nur annähernd mit solch großen Persönlichkeiten vergleichen. Weil dir diese Größe einfach fehlt!

Vielleicht wird Selke einer der Top-Stürmer Europas, die Anlagen hat er ja. Aber seine Zukunft ist eine andere als die von Bremen. Er geht seinen Weg woanders und ich werde ihm nicht nachweinen. Qualitativ wird er fehlen, aber auch ihn werden wir ersetzen. Ich möchte ihm auch kein Pech wünschen, aber es ist mir durch den Wechsel einfach egal, wie es mit ihm weiter geht – Red Bull, lächerlich… Ich distanziere mich im Übrigen von den Beleidigungen in sozialen Netzwerken, die weit unter die Gürtellinie gehen. Das muss nicht sein und entspricht eigentlich auch nicht der Außendarstellung von Werder Bremen und seinen Fans. Man darf und soll verärgert sein, aber es darf nicht so ausarten. Von Davie verlange ich, auch wenn es im Stadion Spießrutenläufe geben könnte, 100 Prozent bis er geht. Danach ist das Kapitel Selke endgültig geschlossen.

Insgesamt möchte ich sagen, dass ich mich als Fußballromantiker sehe. Es schützt aber nicht davor, die Naivität in diesem Business ablegen zu müssen. Denn genau das ist Fußball nicht erst seit heute: ein Geschäft. Da bleibt nur wenig Spielraum für Werte wie Tradition oder Loyalität. Schade, aber das ist die Realität. Werder muss sich, auch mit Hilfe der Anhänger, immer wieder neu in diesem Haifischbecken positionieren – und das klappt erstaunlich gut. Neben all der Fußballromantik bleibe ich eben auch ein Stück weit Realist: Bremen wird nie der Standort sein, der dauerhaft die Bundesliga dominieren könnte. Das ist auch gar nicht wichtig. Es wird weiterhin gute und schlechte Zeiten geben. Kampf um Europa genieße und leide ich genauso wie Kampf um den Klassenerhalt. Werder ist eben nicht Bayern – und das ist auch gut so. Als Fan hat man die Entscheidung getroffen, sich auf dieses Wechselbad der Gefühle einzulassen und alles, was ich von Spielern des Vereins heutzutage niemals erwarten könnte, erwarte ich von den Fans: Loyalität gegenüber dem Club. Das ist es auch, was unseren Verein und seine Fans so großartig macht und auch in Zukunft bleiben lässt! Für uns gilt der Grundsatz: #WerderverleihtFlügel – ein Leben lang – auch ohne Davie Selke.

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